Magnus Brechtken, Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart

„Wenn ein Busfahrer dieselbe Steuer zahlen musste wie der millionenschwere Unternehmer, war das in Ordnung, denn es stand dem Busfahrer ja frei, selbst Millionär zu werden! Hier liegt das Problem des Siegeszuges jener Vorstellungen, die seit den 1980er Jahren als Neoliberalismus bekannt sind und bis in unsere Gegenwart wirken. Die Dynamik des Wandels und die entsprechenden Folgen für die Lebenschancen des Einzelnen wurden regelmäßig ignoriert… Deshalb ist die ordnende Struktur von Staat, Gesellschaft und Solidargemeinschaft unverzichtbar.“

Diese Gedanken stehen auf Seite 218 des Buches von dem Historiker Magnus Brechtken.

Kann man aus der Geschichte lernen? Herr Brechtken zeigt in seinem Buch, wie man es kann, wenn man mit einem rationalen und aufgeklärten demokratischen Weltbild daran geht. Das Buch ist richtig gut aber es ist ein richtig gutes Buch. Das bedeutet in diesem Fall, es muß auch ganz gelesen werden.

Auf den ersten 200 Seiten schildert Herr Brechtken die Entwicklung von Demokratie, Krieg, Selbstverständnis von Kulturen, Religionen und Ideologien bis zum heutigen Tage. Es steckt alles voll mit Wissen und er schildert in klarer, differenzierender Sprache das woher und wohin der letzten Jahrhunderte aus europäischer Sicht.

„Wenn man sagt, die Welt des Mannes ist der Staat, … so könnte man vielleicht sagen, daß die Welt der Frau eine kleinere sei. Denn ihre Welt ist ihr Mann….“ Auch solche Zitate finden wir, wenn er sachlich beschreibt, wie der Nationalsozialismus Frauen ideologisch einordnete und ihnen die Möglichkeiten nahm und nimmt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Damit wird auch schon der Weg von Brechtken deutlich. Der Autor mischt sich differenzierend gedanklich in vieles ein, was heute als Denken und Wortmischungen in der Politik rumschwebt und ordnet dies in große geschichtliche Zusammenhänge ein.

Er scheut sich auch nicht, unangenehme Wahrheiten auszusprechen: „Die Möglichkeit zur Vereinigung 1990 – gegen alle Wahrscheinlichkeit – ist im Wesentlichen dem historisch nicht erwartbaren Hegemonie- und Gewaltverzicht der sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow zu verdanken.“

Nicht „Wir sind das Volk“-Demos waren die Ursache, auch wenn die gewollte Legende es anders erzählt.

Während grob die ersten 200 Seiten den Weg in unser System, die Erfahrungen dorthin und die Konkurrenz auf der Welt zeigen, gehen die folgenden Seiten konkret ins Detail, wenn es um die Sicherung von Demokratie und Menschenrechten geht.

Ich würde es unter dem Motto zusammenfassen „Demokratie kann man nicht essen.“ Brechtken zeigt auf, daß wir uns heute in einer Konkurrenz der globalen Systeme befinden, die konkret bedeutet, daß z.B. der Arbeitnehmer hier mit dem in China konkurriert.

Brechtken schreibt klar: „Politische Legitimation durch wirtschaftliche Partizipation wird dabei zu einer Überlebensfrage im 21. Jahrhundert.“

Und weiter: „Die unteren Gruppen fallen zurück, die großen Einkommen… setzen sich ab. Das Maß der Verteilung aber ist entscheidend für die psychologische Akzeptanz der Gesamtzustände.“

Brechtken entwickelt dann einen „Deutschlandfonds“. Er zeigt wie man bis zu 50% eines großen Vermögens abschöpfen kann für die Beteiligung aller – ohne Marktwirtschaft und Kapitalismus zu zerstören.

Das Buch ist also außerordentlich klug und könnte auch als Leitfaden für Politiker dienen, die noch historisch Denken und Lesen können.

Aber wenn man es gelesen hat, dann ist man schnell bei dem Gedanken, daß die von allen Parteien im Bundestag damals bejubelte agenda2010 mit den Rentenkürzungen, doppelten Sozialversicherungsbeiträgen bei Betriebsrenten, den Niedriglöhnen, den Verarmungsstrategien und zugleich der 3fachen Besserstellung des Beamtentums historisch betrachtet falsch und verhängnisvoll waren, weil damit der größte Teil der staatstragenden Schichten diesem System eher sein Vertrauen entzieht.

Man müßte die Menschen wieder so stellen wie sie z.B. heute noch in Österreich gestellt sind, um die Legitimität und die Zukunftsfähigkeit wiederherzustellen.

„Nicht der Kapitalismus ist das Problem sondern die Ignoranz gegen jene Folgen, die ihn von innen heraus  zu zerstören drohen.“

So das Fazit des Autors.

Man kann also aus der Geschichte lernen, wenn man will.

Das Buch ist im Siedler Verlag erschienen.

ISBN: 978-3-8275-0130-1