Was rettet. Mit Verlusten leben von Irmtraud Tarr

„Rituale können ein Gerüst bieten in haltlosen Zeiten. Rituale sind Wohnungen in der Zeit. Nie vergesse ich die Wochen, als mein Mann im Krankenhaus lag und meine Freundin mir jeden Tag um Mitternacht ein Fax schickte. Welch tröstliches Geschenk, eine Freundin zur Seite zu haben, die mir Lebenszeit schenkte, den Stift zur Hand nimmt, mir schreibt und für mich malt.“

Diese Sätze sind mitten aus dem Buch von Irmtraud Tarr.

Es ist sehr persönlich. Sie verarbeitet darin den eher plötzlichen Tod wichtiger Menschen aus ihrem Leben.

Dabei ist ein sehr einfühlsames Buch herausgekommen, das zeigt, wie man selbst für sich da sein kann, wenn es schwer wird.

„Wir werden zu dem, womit wir in Resonanz stehen. Statt ´Werde, der du bist!´ (Nietzsche) vertraue ich auf offene Fragen, die davon ausgehen: „Sag mir womit du in Resonanz stehst, und ich sage dir, wer du bist!“

Und so lesen wir in einem Buch, das sehr besonders ist, weil Frau Tarr einerseits als Fachfrau viel weiß und gesehen hat und andererseits sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen auf sich selbst quasi als Selbstversuch anwendet.

Das macht aus dem Buch ein Geschenk für die eigenen schwierigen Zeiten.

Man kann mit ihr so an Orte reisen, die man nur in schwierigen Zeiten in sich selbst entdeckt oder noch nicht sieht.

Aber auch wie man seelisch dabei vorgehen kann, schreibt sie auf:

„Das Geheimnis des Wandels. Es bedeutet für mich, nicht alles lösen und verstehen zu wollen… sondern mit Ideen spielerisch umzugehen und Widersprüche gelassen zu ertragen.“

Oder dieser Satz: „Statt über den Sinn des Lebens zu grübeln, will ich lieber nach seiner Sinnlichkeit fragen.“

Da wäre ich sofort bei Albert Camus…

Im Vorwort ihres Buches schreibt Irmtraud Tarr: „Wir können Halt in haltloser Zeit gewinnen, wenn wir fragen: Was rettet mich heute? Was hat Menschen früher gerettet? Was läßt sich daraus ableiten für uns heute?“

Und so ist dieses Buch eine Talfahrt durch Traurigkeit und Verzweiflung auf der Suche nach dem Berg und der Sonne. Es ist der „Leidensweg der Veränderung.“

Und wer ihn geht, ist auf dem besten Weg, wieder in der Sonne seines Lebens anzukommen.

Was dieses Buch auch so besonders macht, sind die Erfahrungen als Therapeutin, die sie einfließen läßt:

„Ich sprach mit mehreren Witwen, die ihre Männer ´mumifizieren´ und ihnen immer noch den Tisch decken und die Kleider aufbewahren, die sich standhaft weigern, den Weg der Wandlung einzuschlagen.“

Und dann erfahren wir, wie man es besser machen kann…

Die neue Richtung beginnt in meinen Augen mit dem Satz: „Auch in der Trauer und im Schmerz sind wir endliche Menschen. Deshalb ist auch das Leid zu relativieren. Ich taste nach einer neuen Ordnung, nach neuen Rhythmen, die es erlauben, das Geschehene so sein zu lassen, wie es ist.“

Ich finde, dieses Buch gibt substanziell mehr als andere Bücher und ist richtig gut geschrieben.

Was rettet von Irmtraud Parr ist im Patmos Verlag erschienen.

Was rettet
Mit Verlusten leben

Irmtraud Tarr

ISBN/EAN 978-3-8436-1317-0